In seiner Rolle als Brand Style Manager Europe versteht sich Raphaël Lesbats als Übersetzer von Mazdas vielschichtigem Kodo-Designansatz, der seinen Ursprung in der japanischen Ästhetik hat. Im Rahmen der diesjährigen Ausgabe der Homo Faber Biennial: An Island of Light in Venedig sprach er mit Chapter über die in Europa stark ausgeprägte Faszination für japanische Kultur und die sensible Aufgabe, Markenidentität über alle Berührungspunkte hinweg konsistent zu vermitteln. Ein Gespräch über die Bedeutung kultureller Gestaltungsprinzipien und ihre Übersetzung in eine zeitgenössische Markenidentität.
Raphaël Lesbats stellt bereits zu Beginn unseres Gesprächs klar, dass es ihm in seiner Rolle nicht um eine nostalgische Rückkehr zu traditionellen Philosophien geht. Gerade in einer Zeit des Informationsüberflusses und nahezu unbegrenzter gestalterischer Möglichkeiten stellt sich allerdings die Frage, ob traditionelle Prinzipien wieder stärker an Bedeutung gewinnen sollten.
Vor diesem Hintergrund wollen wir von Lesbats wissen, ob kulturell verankerte Gestaltungsgrundsätze heute, da Wissen nahezu uneingeschränkt verfügbar ist, als Maßstab für gutes Design dienen können. Er ordnet diesen besonderen Moment unserer Zeit so ein: »Today, we have access to an almost unlimited amount of information, but what becomes increasingly rare is meaning, clarity, and intent. Our philosophies provide enduring principles that help us distinguish what is essential. They remind us that good design is not about adding more, but about creating something that resonates deeply and naturally with people. At Mazda, our Kodo design language is a compass. It guides us toward authenticity, helping us create products that feel emotionally meaningful and human, even in a rapidly changing world.«

In seiner Rolle als Brand Style Manager Europe könnte der erwähnte Kompass mit kulturellem Fingerspitzengefühl gleichgesetzt werden. Auf die Frage, ob die europäische Perspektive fernöstliche (Design-)Philosophien in ihrem Kern verändert oder vielmehr etwas Universelles über gutes Design sichtbar macht, das kulturelle Grenzen überschreitet, stellt Lesbats seine eigene Rolle klar in den Dienst der Vermittlung. Die Herausforderung für ihn lautet immer: Wie lassen sich diese japanischen Prinzipien visuell und emotional so übersetzen, dass sie auch ein europäisches Publikum erreichen? »My role is not to change the philosophy, but to translate it.« Er verweist dabei auf die lange Faszination für japanische Kultur in Europa: »While our Kodo design language is rooted in Japanese aesthetics, Europe has long cultivated a strong fascination with Japanese culture. Whether through architecture, craftsmanship, gastronomy, design, fashion, or manga, many Europeans are already familiar with values that are central to our creative thinking: restraint, precision, respect for materials, and the beauty of simplicity.« Für ihn entstehe aus dieser kulturellen Nähe ein interessanter Dialog. »People may not know the concepts of Ma or Kaicho by name, but they instinctively respond to what these principles express.«

Für Lesbats reicht Kodo als Philosophie daher weit über das Fahrzeugdesign hinaus. Sie beeinflusse, wie ein Bild komponiert wird, wie Licht und Raum eingesetzt werden, wie Rhythmus entsteht, wie Geschichten erzählt werden und letztlich, wie Mazda seine Markenidentität über sämtliche Berührungspunkte hinweg konsistent vermittle. Dabei führt er eine Kampagne für den Mazda CX-6e als Beispiel an, für die sich das Team unter anderem von den Filmregisseuren Yasujirō Ozu und Jean-Luc Godard inspirieren ließ. »What interested us was the dialogue between these two cinematic worlds: Ozu’s sensitivity to space, stillness and observation, and Godard’s visual freedom and striking compositions. Although very different, both offer lessons in how emotions can be communicated through framing, rhythm and visual restraint.«

Dass dieser Ansatz weit über den unmittelbaren Kontext des Automobildesigns hinausreicht, zeigt auch Mazdas Engagement bei der diesjährigen Homo Faber Biennial: An Island of Light. Als Unterstützer der Biennale und Country Sponsor Japan des Homo Faber Fellowship engagiert sich die Marke für japanisches Handwerk und die Weitergabe von Wissen zwischen Meister:innen und einer jüngeren Generation. Die Begegnung mit traditionellem Handwerk bietet Mazda dabei die Gelegenheit, jene gestalterischen Prinzipien in den Mittelpunkt zu stellen, die auch für das Fahrzeugdesign der Marke maßgeblich sind. Lesbats meint dazu: »At first glance, the world of automotive design and the world of traditional craftsmanship may appear far apart. But they share the same foundation: a dedication to beauty, mastery of materials, attention to detail, and respect for the maker’s hand.« Für ihn schafft Homo Faber eine besondere Gelegenheit, weil dort einige der talentiertesten Handwerker:innen aus aller Welt zusammenkommen. In Verbindung mit dem besonderen Schauplatz Venedig, sagt er, werde die Ausstellung damit zu einem Ort des Austauschs, der Inspiration und des Dialogs zwischen unterschiedlichen kreativen Disziplinen. »For visitors, but also for us as designers, this encounter is incredibly valuable. It reminds us that regardless of the medium we work with, the pursuit of excellence is often guided by the same principles.«
Bei Homo Faber vermittelte Mazda seinen Bezug zu japanischer Handwerkskunst unter anderem durch Kintsugi, eine jahrhundertealte japanische Tradition, bei der zerbrochene Keramik mit Gold und viel Geduld wieder zusammengesetzt wird. »It was an opportunity to show that behind every vehicle there is a long journey of craftsmanship, human sensitivity, and careful refinement, values that resonate deeply with the spirit of the Biennale.«

Abseits traditioneller Prinzipien und der Weitergabe handwerklichen Wissens stehen zugleich die realen, technologisch hochkomplexen Entwicklungen des modernen Automobils. Angesichts des zunehmenden Drucks, Fahrzeuge auch als »Computer auf Rädern« zu denken, wollen wir wissen, wie Mazda die beinahe skulpturale Klarheit seiner Kodo-Designphilosophie bewahrt. Wo verläuft die Grenze zwischen sinnvoller Innovation und visuellem Lärm? Für Lesbats sollte Technologie dem Menschen dienen, ohne dessen Erleben zu dominieren. »One of the challenges facing designers today is that technology constantly offers new possibilities, but not every possibility creates value«, beschreibt er die Herausforderung und erklärt weiter: »At Mazda, we try to start with the human experience and then determine which technologies genuinely enhance it.« Für Lesbats beruht die Klarheit der Kodo-Designsprache vor allem auf gestalterischer Disziplin. Den Zusammenhang zwischen Einfachheit und emotionaler Wirkung beschreibt er so: »We seek simplicity because we believe clarity creates a stronger emotional connection.«

Was wird seiner Meinung nach langfristig Bestand haben? »What will endure, in my opinion, is not any particular screen or software feature. What will endure is the human desire for beauty, harmony, and intuitive interaction. These are timeless qualities that technology should help express, rather than replace.« Die Annahme liegt nahe, dass traditionelle japanische Prinzipien wie Ma, Utsuroi und Sori, die hinter Mazdas Kodo-Designphilosophie stehen, für kommende Generationen von Designer:innen sogar noch an Bedeutung zunehmen könnten.
Abschließend fragen wir Lesbats, welche Bedeutung diese auf Wahrnehmung und Emotion beruhenden Gestaltungsprinzipien für eine Generation von Designer:innen haben können, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen ist. Seine Antwort richtet den Blick klar auf Qualität statt Quantität: »Young designers today are surrounded by digital tools capable of generating almost infinite forms and solutions. In such an environment, the challenge is no longer the ability to create, but knowing what is worth creating. Japanese principles and philosophies provide a deeper understanding of rhythm, harmony, and emotion. They encourage designers to observe, reflect, and develop ideas that carry meaning rather than simply pursuing novelty.«

Im Zeitalter künstlicher Intelligenz und nahezu unbegrenzter gestalterischer Möglichkeiten sieht Lesbats daher die Bedeutung menschlicher Wahrnehmung und Erfahrung weiter wachsen. Entscheidend sei künftig die Fähigkeit von Designer:innen, Ideen einen Sinn zu geben. Er bringt es abschließend auf den Punkt: »For me, the true value of a designer will no longer be the ability to generate ideas, but the ability to give them meaning.« [DM]


