Die erzählenden Wände

Chapter »Bookshelf«: Murals of Tibet

Thomas Laird, Murals of Tibet, TASCHEN: historische tibetische Wandmalereien in hochauflösenden Fotografien.

Thomas Lairds Murals of Tibet  dokumentiert tausend Jahre tibetischer buddhistischer Wandmalerei. TASCHEN legt den monumentalen Bildband nun als limitierte »BABY SUMO« Edition neu auf.

1986 betritt Thomas Laird den Lukhang, den privaten Meditationstempel der Dalai Lamas hinter dem Potala-Palast in Lhasa. Um die Wandmalereien zu sehen, muss er einen kleinen Teich überqueren, eine von Weiden umgebene Insel betreten und bis in einen dunklen Raum im dritten Stock hinaufsteigen. Dort erscheinen die Murals nur fragmentarisch, hinter Drahtgittern und im schwachen Licht, das vom Wasser draußen in den Raum fällt. Trotzdem, schreibt Laird, war ihre Wirkung so stark, dass sie ihn nicht mehr losließ.

Thomas Laird, Murals of Tibet, TASCHEN: historische tibetische Wandmalereien in hochauflösenden Fotografien.

Aus dieser Begegnung entstand ein Projekt, das ihn über Jahrzehnte beschäftigen sollte. Für Murals of Tibet dokumentierte der Fotograf und Journalist historische Wandmalereien aus einem Zeitraum von rund tausend Jahren und entwickelte dafür eine Bildtechnik, mit der sich ganze Wandflächen hochauflösend erfassen ließen. Die daraus entstandene repräsentative Sammlung umfasst auch Werke, die vor Ort nur schwer sichtbar, beschädigt oder inzwischen verschwunden sind. Nach der monumentalen SUMO-Erstausgabe von 2018 erscheint das Werk nun bei TASCHEN als BABY SUMO Edition und macht Lairds Aufnahmen in kompakterem Format erneut zugänglich.

Thomas Laird, Murals of Tibet, TASCHEN: historische tibetische Wandmalereien in hochauflösenden Fotografien.

In seinen Gesprächen mit dem Dalai Lama erfuhr Laird, dass Wandmalereien bereits in dessen Kindheit Teil der Vermittlung tibetischer Geschichte und buddhistischer Lehren waren, noch bevor er lesen konnte. Mönche erklärten die dargestellten Figuren und Erzählungen direkt vor den Bildern. Laird bezeichnet die Murals entsprechend als »talking walls«. Sie dienten als historische Aufzeichnung, Lehrmittel, Meditationshilfe und religiöses Bild.

Thomas Laird, Murals of Tibet, TASCHEN: historische tibetische Wandmalereien in hochauflösenden Fotografien.

Über fünf Jahre kehrte Laird immer wieder nach Tibet zurück und schuf lebensgroße Bildfassungen von mehr als zweihundert bedeutenden Murals aus den vergangenen tausend Jahren. Möglich wurde dies ab 2009 durch digitale Multi-Image-Verfahren, mit denen sich die monumentalen Wandflächen in engen, dunklen Räumen erstmals gleichmäßig ausgeleuchtet und hochauflösend erfassen ließen. Zuvor hatten analoge Fotografien nur Ausschnitte gezeigt; erste Gesamtbilder setzte Laird deshalb aus zahlreichen Einzelaufnahmen zusammen. Die Verarbeitung des Materials dauerte nach jeder Reise teilweise Monate.

Thomas Laird, Murals of Tibet, TASCHEN: historische tibetische Wandmalereien in hochauflösenden Fotografien.

Die Geschichten der mehr als 1.000 Seiten umfassenden Edition finden sich nicht allein in ihrem Inhalt, auch die Entstehung der Publikation selbst hat ihre eigene. Eine gewöhnliche Umsetzung in Buchform hielt Laird zunächst für ungeeignet, um den Maßstab der monumentalen Wandmalereien und den Detailreichtum seiner Bilder angemessen zu vermitteln. Doch nachdem er 2010 in einer Pariser TASCHEN-Buchhandlung das großformatige SUMO-Format des Kunstverlags entdeckte, nahm die Idee im wahrsten Sinne Form an. Kurz darauf zeigte er Benedikt Taschen seine Arbeit. 

Thomas Laird, Murals of Tibet, TASCHEN: historische tibetische Wandmalereien in hochauflösenden Fotografien.

Für die erste, 2018 erschienene Edition erklärte sich der 14. Dalai Lama bereit, Seiten persönlich zu signieren. Laird beschreibt, wie das Papier in schweren Kisten nach Dharamsala gebracht wurde und dafür drei Reisen nach Indien notwendig waren. In diesem Prozess, schreibt er, habe sich seine Arbeit von der Beschäftigung mit den ursprünglichen Wandflächen über die digitale Bildproduktion bis hin zur Schaffung eines eigenständigen Objekts entwickelt.

Thomas Laird, Murals of Tibet, TASCHEN: historische tibetische Wandmalereien in hochauflösenden Fotografien.

Murals of Tibet verbindet in der neu erschienenen, auf 9.660 Exemplare limitierten BABY SUMO Edition Dokumentation, kunsthistorische Einordnung und die Geschichte eines fotografischen Projekts, das Laird über Jahrzehnte beschäftigte. Er selbst bringt seinen Anspruch mit einfachen Worten auf den Punkt: »My work makes the previously invisible, visible; it makes the ancient modern; a hidden treasure is brought through us, to the future.« [TS]

Thomas Laird, Murals of Tibet, TASCHEN: historische tibetische Wandmalereien in hochauflösenden Fotografien.

 

 

 

 

Murals of Tibet. Baby SUMO
Hardcover mit sechs Ausklappseiten und Goldschnitt, 35,8 × 50 cm, 498 Seiten;
in Schlagkassette; inkl. 528-seitigem Begleitbuch;
Collector’s Edition (Nr. 321–9980), nummeriert und von Thomas Laird signiert;
auch als Art Edition (Nr. 1–320) erhältlich
taschen.com

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