Roadtrip und Zeitreise

Chapter »Bookshelf«: National Geographic. The United States of America

Taschen, National Geographic. The United States of America

Der Bildband National Geographic. The United States of America würdigt sowohl das Magazin National Geographic als auch die vielfältige Geschichte der Vereinigten Staaten. Mehr als 700 Bilder zeigen ein Land im Wandel und sind gleichsam Zeugnis einer sich ständig verändernden Kunstform – der Fotografie. Das bei TASCHEN erschienene Buch ist Roadtrip und Zeitreise gleichermaßen. 

Im Jahr 1952 hielt der Fotograf Ralph E. Gray am Rande des Salmon-Challis National Forest in Idaho an, um ein Foto für eine National Geographic-Reportage zu machen. Mit geschultem Auge positionierte er das gelbe Auto, auf dessen Dach ein leuchtend rotes Kanu geschnallt war, und platzierte seine Familie darum herum: Zwei Mädchen in roten Jacken sitzen links oben auf einem Zaun. Sein Sohn spielt im Vordergrund und scheint die Kamera gar nicht zu bemerken. Rechts ist Grays Frau zu sehen, die ihre Hand auf ein Schild legt, das auf den Wald hinweist. Sie blickt in die Ferne. Die Aufnahme ist mehr als nur ein Foto – sie ist eine Einladung, ihn und all die anderen Fotografen und Fotografinnen des 1888 gegründeten Magazins auf ihren Reisen und Abenteuern zu begleiten. 

Taschen, Bildband, National Geographic. The United States of America

Der Bildband National Geographic. The United States of America zeigt auf eindrucksvolle Weise, warum National Geographic für viele Amerikaner und Amerikanerinnen des frühen 20. Jahrhunderts solch große Bedeutung hatte – das Magazin wurde als Möglichkeit wahrgenommen, in eine Welt zu blicken, die nur wenige von ihnen tatsächlich bereisen konnten. Am einflussreichsten und farbenprächtigsten präsentierte sich das Magazin in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.  Die Amerikaner und Amerikanerinnen hatten gerade die Entbehrungen der Weltwirtschaftskrise und die Opfer des Krieges ertragen, sie verbrachten unzählige Arbeitsstunden in Fabriken und auf Bauernhöfen und es fehlte vielerorts an Konsumgütern, die wir heute als selbstverständlich empfinden. Auch die Mobilität war durch schlechte Straßen, mangelnde Freizeit und begrenzte finanzielle Mittel noch stark eingeschränkt. Magazine wie National Geographic boten somit viele kleine Chancen, dem Alltag für einige Stunden zu entfliehen. 

Taschen, National Geographic. The United States of America

»There was an excitement about photographing in the U.S. It was a period of great expansion«, zitiert Fotoredakteur David Walker den mittlerweile pensionierten Fotografen Bruce Dale, der 1964 zu National Geographic kam, in seinem einleitenden Text. Thematisch konzentrierte man sich in der Redaktion über viele Jahrzehnte hinweg vor allem auf die Schönheit der amerikanischen Landschaft. So gab es unter anderem unzählige Reportagen, die sich mit der Pracht amerikanischer Nationalparks beschäftigten.  

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Der mehr als 700 Bilder umfassende Band zeigt ein Land im Wandel und ist zudem auch Zeugnis einer Kunstform, die sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verändert und weiterentwickelt hat – von den frühen Autochrom-Aufnahmen der Zwanziger- und Dreißigerjahre über Kodachrome-Bilder aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts bis hin zur schärfer gezeichneten Reportage-Fotografie der Siebziger- und Achtzigerjahre und schließlich zu den digitalen Bildern der späten Neunzigerjahren und der Gegenwart.  

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Bei genauerer Betrachtung des Buches wird zudem deutlich, dass vor allem zwischen 1970 und 1980 junge Fotografen und Fotografinnen auf den Markt drängten, denen die Werte des Magazins zu konservativ waren. Sie empfanden die teils idealisierende Ästhetik als überholt und waren daran interessiert, auch die Schattenseiten des Lebens in den USA festzuhalten. Nach und nach fanden Bilder von Umweltverschmutzung, Armut, städtischem Verfall und anderen sozialen Missständen ihren Weg in das Magazin.

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So ist der im TASCHEN Verlag erschienene Bildband sowohl eine Reise durch die Zeit als auch ein Roadtrip durch ein riesiges, vor Vielfalt strotzendes Land. Jedem Bundesstaat ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das in zahlreichen Bildern und detaillierten Bildunterschriften dessen Entwicklung nachzeichnet. Vorworte zu allen Kapiteln und ein einleitender Essay des Fotoredakteurs David Walker komplettieren das Buch. National Geographic. The United States of America ist sowohl eine Hommage an das weltweit führende Fotomagazin wie auch eine Würdigung der Geschichte der Vereinigten Staaten – in ihrer ganzen kaleidoskopischen Vielfalt. [SW]

Taschen, cover of National Geographic. The United States of America

 

National Geographic. The United States of America
Hardcover, 27 x 37.4 cm, 792 Seiten
taschen.com

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