Eine Frage der Proportion

Wie der Type 01 Jaguars Design neu ordnet

rear view Jaguar Type 01 silver design

Eine extrem lange Motorhaube, eine weit zurückgesetzte Kabine, niedrige Dachlinie und große, nahezu ununterbrochene Karosserieflächen: Beim neuen Jaguar Type 01 stehen die Proportionen im Zentrum des Entwurfs. Der in New York vorgestellte viertürige Grand Tourer greift damit vertraute Merkmale der britischen Marke auf, interpretiert sie jedoch in einer grundlegend neuen Formensprache. Mit einer Länge von 5,24 Metern und einer Höhe von lediglich 1,40 Metern wirkt der Jaguar Type 01 ungewöhnlich gestreckt, die 23-Zoll-Räder verstärken diesen Eindruck.

Ende 2024 hatte Jaguar mit einer neuen visuellen Identität und der Kampagne »Copy Nothing« eine heftige öffentliche Debatte ausgelöst. Kurz darauf folgte auf der Miami Art Week  der Type 00. Die zweisitzige Studie machte erstmals sichtbar, wie Jaguar seine neue Designphilosophie »Exuberant Modernism« und die angestrebte Neupositionierung als Luxusmarke gestalterisch übersetzen wollte. Mit dem Type 01  zeigt sich nun, dass die damals präsentierte Formensprache durchaus mehr war als eine überzeichnete Zuspitzung eines Concept Cars: Jaguar hat viele wesentliche Merkmale in die Serie übertragen.

top view of the Jaguar Type 01 silver design

 

Proportion im Zentrum

Besonders auffällig ist zunächst die lange Motorhaube. Bei klassischen Grand Tourern ergab sich eine solche Proportion wesentlich aus der Unterbringung großer Motoren. Beim elektrischen Type 01  besteht diese konstruktive Notwendigkeit eigentlich nicht mehr. Jaguar entscheidet sich dennoch bewusst dafür und macht damit aus einer ehemals technisch bedingten Form ein gestalterisches Mittel.

side view of the new Jaguar Type 01 in silver

Wie ausgeprägt diese Entscheidung ist, zeigt der Abstand zwischen Vorderachse und vorderer Türkante. Jaguar bezeichnet ihn als »Luxury Gap«. Beim Type 01  beträgt er 898 Millimeter und macht damit rund 17 Prozent der gesamten Fahrzeuglänge aus. Das Verhältnis entspricht laut Hersteller annähernd jenem des legendären E-Type. Auch der XJS  wird von Jaguar als gestalterischer Bezugspunkt genannt. Die Vergangenheit dient somit gewissermaßen als Referenz für die Proportion, während die Oberflächen und grafischen Elemente eine neue Richtung zeigen.

Jaguar Type 01 in silver design detail

Möglich wurde diese Silhouette durch die eigens entwickelte Jaguar Electric Architecture, kurz JEA. Die Konstruktion wurde gezielt auf die Anforderungen des Entwurfs abgestimmt. Jaguar ging damit einen aufwendigen Weg, um die ursprünglich vorgesehene Form auch unter den Bedingungen der Serienfertigung zu realisieren.

impossible panel Jaguar Type 01 silver design

Wie weit dieser Anspruch reicht, zeigt ein Karosserieteil, das intern den Namen »Impossible Panel« erhielt. Das großflächige Aluminiumblech im hinteren Seitenbereich vereint fünf unterschiedliche Flächen, deren Linien an einem Punkt zusammentreffen. Für seine Herstellung entwickelte Jaguar ein sechsstufiges Pressverfahren, das im Werk Halewood mit 2.500 Tonnen Presskraft arbeitet. Mehr als 1.500 Stunden waren nach Angaben des Unternehmens notwendig, um diesen Pressvorgang abzustimmen.

Auch an den Übergängen zwischen Glas und Karosserie wurde intensiv gearbeitet. Die rahmenlosen Türen schließen unmittelbar an die Karosserie an. Eine spezielle Falztechnik ermöglicht es, Dichtungen und zusätzliche Zierleisten weitgehend aus dem sichtbaren Bereich zu entfernen.

front view of the Jaguar Type 01 silver design

 

Ein neues Gesicht

Besonders deutlich wird die veränderte Formensprache auch an Front und Heck. Anstelle eines traditionellen Kühlergrills bestimmt die horizontale »Strikethrough«-Grafik das Erscheinungsbild. Vier schmale Leuchten bilden eine neue Lichtsignatur. Die Hauptscheinwerfer sind mit einer Höhe von lediglich 84 Millimetern die bislang flachsten eines Jaguar. »The front of Type 01  is all about presence«, erklärt Alexey Andreev, Exterior Design Lead bei JLR. Die neue Fahrzeugarchitektur habe es ermöglicht, die Leuchten weit außen und hoch an der Front zu positionieren, um die Breite des Fahrzeugs zu betonen.

wordmark of the Jaguar Type 01 silver design

Am Heck setzt sich die horizontale Gliederung fort. Die Rückleuchten erstrecken sich über die gesamte Breite und bleiben im ausgeschalteten Zustand verborgen. Eine Besonderheit ist die geschlossene Heckklappe ohne Heckscheibe. Zusammen mit den ausgeprägten hinteren Schultern entsteht eine große, zusammenhängende Fläche, deren Wirkung wesentlich von den Übergängen zwischen den einzelnen Karosserievolumen abhängt.

silver leap of jaguar Type 01 silver design

Die springende Raubkatze bleibt als Markenzeichen erhalten, wird jedoch anders eingesetzt. An der Außenseite des Jaguar Type 01  befindet sich der Leaper ausschließlich auf einem seitlichen Metallelement, dem sogenannten »Fender Ingot«. Dort ist er in eine Oberfläche mit messingähnlichem Finish lasergraviert, bei der Design-Vision-Ausführung in einen eloxierten Metall-Finish.

Auch die Aerodynamik wurde auf die weitgehend geschlossenen Flächen abgestimmt. Aktive Luftleitelemente an der Front und ein dreistufig ausfahrbarer Heckspoiler bleiben bei Nichtgebrauch verborgen. Nach mehr als 7.000 Windkanaltests erreicht der Type 01  laut Jaguar einen Luftwiderstandsbeiwert von 0,23. Die aerodynamischen Anforderungen wurden damit erfüllt, ohne die grundlegende Silhouette aufzugeben.

interior of the jaguar Type 01 silver design

 

Vier Plätze entlang einer Achse

Im Innenraum wird die ausgeprägte Längsorientierung des Exterieurs weitergeführt. Eine zentrale Struktur zieht sich durch die gesamte Kabine und gliedert sie in vier individuelle Sitzbereiche. Elemente aus eloxiertem Aluminium mit messingähnlicher Oberfläche begleiten diese Mittelachse und setzen sich entlang der oberen Türbereiche fort. »Our holistic design philosophy translates the vehicle’s exterior presence into a distinctive interior architecture«, erklärt dazu Thomas Holden, Chief Interior Designer bei Jaguar. Die durchgehende Mittelstruktur sei dabei ein wesentliches architektonisches Element, das die Länge des Fahrzeugs betont und jedem Insassen einen eigenen Bereich zuweist.

design detail of the Jaguar Type 01 silver design

Die Materialgestaltung orientiert sich an den geschichteten Farbtönen von Travertin. Für die Sitzbezüge stehen ein Wollmischgewebe von Kvadrat, Leder oder NeoGrain von Ultrafabrics zur Wahl. Die Sitze sind zudem mit wenigen sichtbaren Nähten gestaltet und greifen damit die Reduktion der Karosserieflächen auf. Einzelne kräftige Farbakzente bleiben zunächst verborgen und werden erst beim Öffnen von Ablagefächern sichtbar. Auch die digitalen Elemente sollen die räumliche Gestaltung möglichst wenig unterbrechen. Vor dem Fahrer befindet sich ein 24 Zoll großes OLED-Display, während ein zusätzlicher sieben Zoll großer Touchscreen häufig verwendete Funktionen übernimmt. Weitere Bedienelemente und Lüftungsöffnungen bleiben verborgen, bis sie benötigt werden.

windows of the Jaguar Type 01 silver design

 

Von der Vision zur Serie

Der Type 01  zeigt somit auch, wie eng Jaguars neue Formensprache mit der technischen Entwicklung verbunden ist. Die außergewöhnlichen Proportionen verlangten eine eigene Fahrzeugarchitektur, die großen Karosserieflächen aufwendige Fertigungsverfahren. Selbst Details wie die Übergänge zwischen Glas und Metall wurden eigens entwickelt, um die ursprüngliche Gestaltung möglichst unverändert umzusetzen.

top view of jaguar Type 01 silver design

Damit bekommt auch die Debatte um den Type 00  rückblickend eine andere Bedeutung. Als Jaguar die Studie 2024 präsentierte, ließ sich noch kaum beurteilen, wie viel der Neuausrichtung in kommende Fahrzeuge einfließen würde. Der Type 01  beantwortet diese Frage nun mit einem Entwurf, der viele der radikal wirkenden Merkmale des Concepts tatsächlich beibehält. Und so manche werden wohl attestieren: Die Provokation von 2024 ist damit tatsächlich auch in der Serienentwicklung angekommen. [CPS]

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