Wie kann ein so kleines Auto so große Emotionen auslösen? Genau darin liegt die anhaltende Faszination des Roadsters. Zwar interpretiert jede Marke das Erfolgsgeheimnis unterschiedlich, doch die Grundformel bleibt erstaunlich konstant: eine agile Motorisierung, eine leichte Karosserie, ein sportlich zugespitztes Design und ein puristisches Interieur. Diese Kombination macht den Roadster seit Jahrzehnten zu einer der aufregendsten Fahrzeuggattungen überhaupt. In einer zweiteiligen Serie stellt Chapter die prägendsten und ikonischsten Zweisitzer der Automobilgeschichte vor.
Alfa Romeo Spider
Der Alfa Romeo Spider wurde von 1966 bis 1994 in insgesamt vier Generationen gebaut und steht wie kaum ein anderes Auto für italienisches »Dolce Vita«. Zwar gab es auch eine fünfte und sechste Generation, allerdings sind diese eher als eigenständige Neuentwicklungen zu sehen. Der erste Alfa Romeo Spider war zugleich das letzte Fahrzeug, das Battista »Pinin« Farina, Begründer der legendären italienischen Designschmiede, mitentwarf. Bekannt wurde der offene Zweisitzer vor allem für sein aerodynamisch geformtes Heck, das ihm den Spitznamen »Osso di Seppia« einbrachte, womit die Sepiaschale eines Tintenfisches gemeint ist. Der Legende nach waren es die Arbeiter in den Werkshallen von Grugliasco, die dem schnittigen Roadster diesen Namen verpasst haben. Die Front ist flach gehalten, der Kühlergrill weist die typisch herzförmige Form auf und wird links und rechts von den beiden geteilten Stoßstangen in Form der charakteristischen »baffi« – Schnauzbärtchen – eingerahmt.

Das Rundheck ist nahezu identisch geformt wie die Front und polarisierte: Während manche die Symmetrie zu schätzen wussten, empfanden andere das Heck als zu verspielt. 1967 wurde das Fahrzeug auf der ganzen Welt berühmt, weil Dustin Hoffman im Film »Die Reifeprüfung« damit fährt. »Graduate«, abgeleitet von »The Graduate«, dem englischen Originaltitel des ikonischen Kinofilms, wurde auch zum Namen einer Ausstattungsversion. Im Übrigen wurde auch das letzte Modell, das 1990 auf den Markt kam und sich wieder stärker an der ursprünglichen Form orientierte, wieder bei Pininfarina gezeichnet.
Honda S2000
1999 brachte Honda den S2000 auf den Markt, um das 50-jährige Jubiläum der Marke zu feiern. Doch die Geschichte des Roadsters beginnt schon einige Jahre zuvor: Auf der Tokioter Automobilausstellung 1995 präsentierte Honda ein radikales Konzeptfahrzeug namens Sports Study Model. Es wurde in Zusammenarbeit mit Pininfarina entworfen und fungierte als gestalterische Basis für den später von Honda-Designer Daisuke Sawai verfeinerten Zweisitzer. Das puristische Design ist einerseits dem hohen aerodynamischen Anspruch geschuldet, unterstreicht aber auch die Sportlichkeit und Fahrerzentriertheit des Roadsters.

Während andere Sportwagen aus derselben Ära über Sechszylindermotoren verfügten, setzten die Honda-Ingenieure bei ihrem agilen Zweisitzer auf einen kompakten, aber leistungsstarken Vierzylindermotor. Das Herzstück des S2000 war ein 2-Liter-Vierzylinder-VTEC-Motor, der bis zu 9.000 Umdrehungen pro Minute erreichen konnte. Fünfmal wurde der Motor als »International Engine of the Year« ausgezeichnet. Nach zehn Jahren Fahrspaß rollte der letzte S2000 im Jahr 2009 vom Band.
Audi TT
Mit der Vision »Ein Auto für Enthusiasten« präsentierte Audi im Herbst 1995 auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt die Sportwagenstudie des Audi TT Coupé. Bereits kurz darauf wurde die Entscheidung getroffen, das Audi TT Coupé in Serie zu produzieren. 1998 wurde die erste Generation der Baureihe auf den Markt gebracht und mit zahlreichen Designpreisen ausgezeichnet. Die Karosserie wirkte wie aus einem Stück gefertigt. Die Front ohne klassische Stoßfängerüberhänge betonte seine klare Form. Vom Design des Bauhauses inspiriert, hatte beim Audi TT jede Linie einen Zweck, jede Form eine Funktion. Mit seiner runden, geschliffenen Formensprache und der Symmetrie zwischen Front und Heck wies der Zweisitzer auch einige gestalterische Anspielungen auf die historischen Auto-Union-Rennwagen auf. Die dritte Generation wurde von 2014 bis 2023 verkauft.

Für Massimo Frascella, Chief Creative Officer bei Audi, ist der TT ein ganz besonderes Fahrzeug: »Als 1998 der erste Audi TT beim Händler in Turin ankam, habe ich mir einen Tag freigenommen, nur um ihn mir ganz in Ruhe anzusehen. Ich blieb dort stundenlang, schaute das Fahrzeug aus jedem Winkel an und fühlte über jede seiner Flächen. Die Mitarbeiter hielten mich sehr wahrscheinlich für verrückt. Aber für mich war der TT schon damals mehr als ein Auto. Er war eine Botschaft: Man muss nicht laut sein, um gehört zu werden. Man braucht keine Übertreibung, um Eindruck zu machen. Man braucht Klarheit – und, was noch wichtiger ist, den Mut, ihr zu folgen.« Der TT der ersten Generation, so Frascella, sei ein Auto, das so rational ist wie kaum ein anderes, seine Wirkung aber auf einer unglaublich emotionalen Ebene entfaltet. »Das ist auch ein wichtiger Teil dessen, was Audi ausmacht: Eine Form der Rationalität, die direkt ins Herz trifft.«
Porsche Boxster
Auf die tiefe Absatzkrise, in der Porsche Anfang der 1990er Jahre steckte, reagierte der Sportwagenhersteller mit einem klugen Schachzug. Es musste nicht nur etwas Neues her, sondern in Anbetracht des zu dieser Zeit aufflammenden Roadster-Trends musste es unbedingt ein sportlicher Zweisitzer sein. So erblickte der Boxster das Licht der Welt, der von 1996 bis 2004 gebaut wurde. Der Name ist ein Kunstwort, das sich aus dem Wort Boxer und dem Wort Roadster zusammensetzt. Damit lieferte der Zuffenhausener Hersteller nicht nur einen eindeutigen Hinweis auf die Fahrzeuggattung, sondern auch auf die Motorisierung. Der Tradition gemäß wurde auch der Neuzugang im Portfolio mit einem Sechszylinder-Boxermotor ausgestattet, der bis zu 266 PS leistete. Außerdem versteckte der Boxster in nur zwölf Sekunden sein Verdeck, was von einigen Käufern und Käuferinnen bei Ampelstopps effektvoll zelebriert wurde.

Die Studie zum Serienfahrzeug, die sich an den 550 Spyder und den 718 RS 60 aus den 1950er Jahren anlehnte, wurde von Grant Larson entworfen. »Ursprünglich hatten wir geplant, unsere Studie im Frühjahr 1993 in Genf zu präsentieren. Aber wir entschieden uns für Detroit im Januar, denn wir wollten keine Zeit verschenken. Außerdem lag unser Fokus mit dem Roadster auf dem US-Markt, wo Porsche zu dieser Zeit schwach war und Mazda mit dem MX-5 (Miata) sowie BMW mit dem Z1 bereits im Roadster-Segment präsent waren«, so Larson.

Grant Larson erzählt auch, dass sie kurz nach der Präsentation in Detroit angewiesen wurden, die Serien-Designentwicklung für den Boxster sofort zu stoppen. »›Bitte die Studie genauso bauen‹, hieß es stattdessen.«

