Re-Arranging Things

Interior-Stylist Colin King über Beziehungen, die Räume formen

Chapter magazine cover shoot with Interior Stylist Colin King at the Wotruba Church in Vienna, photographed by Robert Rieger, creative direction by Dzenana Mujadzic
© Chapter; Photo: Robert Rieger

Text Sarah Wetzlmayr | Produktion & Creative Direction Dzenana MUJADZIC | Produktionsassistenz Miri MARIJANOVIC | Fotografie ROBERT RIEGER | Make-up & Hair SABINE REITER | Head Of Styling Emilia TERESA, Stylist Anillo SÜRÜN | Aetna.Club | AETNA.CLUB

Interior Styling im Falle von Colin King könnte bedeuten: Intuition, Ruhe und eine gewisse Reibung erzeugen jenen Moment, in dem das Gefühl eintritt, dass alles am richtigen Platz ist. Das impliziert jedoch nicht, dass Dinge für immer dort bleiben müssen, denn dem in New York lebenden Interior-Stylisten und Produktdesigner geht es vor allem um die Beziehungen zwischen den Objekten — um ein Arrangement, das stimmig bleibt, auch wenn es sich verändert. Man kann sich seinen Ansatz eher wie ein elastisches Netz aus Verbindungslinien und zarten Fäden vorstellen, innerhalb dessen Leben stattfinden darf. Und muss. Ein Porträt eines Gestalters, dessen kreativer Motor von Intuition angetrieben wird.

»Everything I do is instinctual. When I try to describe my process to people, I’m like, it’s not a process, it’s a feeling«, erzählt uns King, der sich selbst als »rearranger« und »quiet adjuster« beschreibt, gleich zu Beginn unseres Treffens. Denn obwohl seine aufgeräumten, harmonischen, teils minimalistischen Interiors etwas anderes vermuten lassen, betont er sein Faible für Unberechenbares — und seine Vorliebe für überraschende Momente: »I love being surprised. But I feel like when you get to see as much as I do, it’s hard to be surprised.«
Tatsächlich hat Colin King, der zu den gefragtesten Kreativen seines Fachs zählt, schon einiges gesehen — unter anderem zahlreiche Häuser prominenter Persönlichkeiten, die er gestaltet und eingerichtet hat. Parallel dazu hat er sich in den vergangenen Jahren nicht nur als Set-Stylist für Fotoproduktionen, sondern auch durch Kollaborationen mit globalen Interior-Marken einen Namen gemacht. Die wichtigsten Inspirationsquellen des ehemaligen Profitänzers sind dabei stets die Natur und die Kunst. »Art fed my soul. Bratwurst handled the rest«, tippt er am Ende seiner Europareise als Instagram-Caption in sein Smartphone.

Chapter magazine cover shoot with Interior Stylist Colin King at the Wotruba Church in Vienna, photographed by Robert Rieger, creative direction by Dzenana Mujadzic
© Chapter; Photo: Robert Rieger

Für das Covershooting treffen wir Colin King in der Mitte der Siebzigerjahre erbauten Wotruba-Kirche am Rande von Wien. Seine feingliedrigen Finger wandern über den schroffen Beton des brutalistischen Bauwerks, er erzählt davon, dass er während seiner Kindheit in Ohio Ministrant gewesen sei. Was er davon mitgenommen hätte, sei in erster Linie ein Faible für Rituale, fügt er hinzu. Und ein Gespür für Abläufe und Setzungen prägt nun auch seine Arbeit: Als einer der international renommiertesten Interior-Stylisten weiß er, dass alles seinen Platz hat — und dass es sich lohnt, der eigenen Intuition zu folgen und im Moment zu bleiben. Das gilt auch für das »Ja« im richtigen Moment, erzählt er im Interview. Eine Zeit lang tat er das allerdings auf sehr exzessive Weise, fügt er hinzu. »I kind of live my life in extremes. I’m either saying yes to everything or no to everything. I’m extremely visible or extremely hidden. I think my whole life is just going to be about moderation and finding that middle ground«. Nach einer kurzen Pause setzt er nach: »At the same time it happens quite often that the things that I almost said no to end up being really special. They surprise me. And then the things I said yes to because I thought that they are going to be amazing tend to be the ones that never work out or don’t meet my expectations.«

Interior Design of Colin Kings Tribeca-Loft
© Arranging Things, Colin King; Photo: Rich Stapleton

 

Kings vielfach porträtiertes Tribeca-Apartment wurde für den Interior-Stylisten über Jahre hinweg zu einem gestalterischen Erkundungsraum, der seine Identität prägte und seinen ästhetischen Blick schärfte.

 

Das mit den Erwartungen sei überhaupt so eine Sache, so King. Am besten sei es, man hat gar keine und gibt sich der Ungewissheit hin, hält er fest. Im Grunde ginge es aber auch gar nicht anders, wenn man in einer Stadt wie New York lebt, wie er lachend ergänzt. Aufgewachsen ist Colin King allerdings auf einer Farm in Ohio, bevor er sich als junger Erwachsener dazu entschied, in New York klassischen Tanz zu studieren. Er arbeitete als Personal Trainer unter anderem mit Gwyneth Paltrow und Victoria Beckham und landete eher zufällig im Styling — lange bevor ihm überhaupt bewusst war, dass Stylist eine Berufsbezeichnung ist. Die Tatsache, dass er keinerlei Erfahrung in diesem Bereich hatte, sei vermutlich seine größte »superpower« gewesen, erklärt er. Auch heute noch arbeitet er kontinuierlich daran, dass all die Erfahrungen, die er mittlerweile akkumuliert hat — und an die man gerne bestimmte Erwartungen knüpft — seiner Intuition nicht im Weg stehen. »Experience can definitely hinder intuition. But if I relied on what had worked in another home or on another set, I wouldn’t be able to listen to what the particular home wants from me. But that’s what it’s all about. A big part of my job is listening. I think that in the end it’s about balance because it’s also helpful to know the things that don’t work. Which flowers don’t photograph well, for instance. Of course, people often come up to me who have seen something I’ve done and want exactly the same thing for their house. I can only ever reply that I’m happy to help them achieve that particular feeling, but it won’t look exactly the same.«

Capsule collection of furniture, textiles, and accessories, launched in 2023 by West Elm in collaboration with Colin King and photographed at the Schindler House, the architectural icon designed by Rudolph Schindler.
© Arranging Things, Colin King; Photo: Adrian Gaut

 

2023 lancierte West Elm in Zusammenarbeit mit Colin King eine 41-teilige Capsule-Kollektion aus Möbeln, Textilien und Accessoires —  fotografiert im Schindler House anlässlich des 100-jährigen Bestehens der von Rudolph Schindler erbauten Architektur-Ikone.

 

Wie das gemeint ist, wird deutlich, wenn man den 2023 publizierten Bildband mit dem Titel »Arranging Things« durchblättert, der nicht nur zahlreiche Einblicke in die Bandbreite seiner Ästhetik gewährt, sondern in dem er auch Parameter und Einflüsse beschreibt. Es geht um die Bedeutung von Licht und Schatten, um die Natur als Inspirationsquelle, wie auch darum, dem Verlangen, jede scheinbare Leerstelle zu füllen, zu widerstehen. Der Bildband zeigt dabei die ganze Vielfalt seines kreativen Schaffens — darunter eine Auswahl von ihm gestalteter Sets für Fotostrecken internationaler Magazine und seine Arbeiten für renommierte Designmarken. Neben Editorials, Markenkooperationen und der Gestaltung von privaten Häusern wirkt Colin King — der mittlerweile auch ein eigenes Studio in New York betreibt — auch als Artistic Director-at-Large bei Beni Rugs, entwirft Objekte für das dänische Designhaus Audo, Textilien für die australische Marke Cultiver, oder eigene Capsule-Kollektionen für Unternehmen wie West Elm oder Zara Home.

EVERYTHING FALLS INTO PLACE

Colin King arbeitet ohne starre Formel. Trotz der Präzision, die sein Beruf verlangt, geht es ihm nicht um Berechenbarkeit — wichtiger sind Lebendigkeit und ein Maß an Unvorhersehbarkeit, das er auch bewusst zulässt. Für den Wahl-New Yorker ersetzt dieses Vertrauen, dass alles seinen Platz hat, die Idee von Perfektion: Er vertraut auf den Moment, in dem das Verschieben einer Vase oder eines Objekts einen Raum vom leisen Unbehagen in Behaglichkeit verwandelt — »everything falls into place«, wie man es im Englischen treffend ausdrückt.
»I think that there is something beautiful about not chasing things and letting them come to you. And trusting that they will come to you. It’s rarely the end result that makes me feel the most reward, it’s usually the process leading up to that. There is a similarity to dancing when that happens. When I am not thinking of anything, my phone on Do-Not-Disturb and I am dancing around the room, letting the objects draw me to where they want to be and who they want to be with«, merkt Colin King mit ruhiger Stimme an.

Chapter magazine cover shoot with Interior Stylist Colin King at the Wotruba Church in Vienna, photographed by Robert Rieger, creative direction by Dzenana Mujadzic
© Chapter; Photo: Robert Rieger

 

Für das Covershooting treffen wir Colin King in der Mitte der Siebzigerjahre erbauten Wotruba-Kirche am Rande von Wien — fotografiert von Robert Rieger.

 

In seinem eigenen Leben sucht King jedoch immer wieder auch bewusst nach Momenten der produktiven Unruhe, der Unbehaglichkeit. So auch bei seinem Auszug aus seinem vielfach abgebildeten Loft in Tribeca. »I don’t think it’s about constantly reinventing yourself, but I do think it’s important to keep developing and to step out of your comfort zone again and again«, hält er fest. Im Falle Colin Kings und seines Umzugs ist Letzteres nicht nur metaphorisch, sondern auch buchstäblich zu verstehen. Fast alle Gegenstände, die sich in seinem alten Apartment befanden, hat er verkauft. Tabula Rasa lautete das erklärte Ziel, doch je leerer das Loft wurde, desto lähmender fühlte sich das Vorhaben an. »I put my identity into this apartment and I really built something there. I built my career there, I built this point of view. And when I left that space, I not only started questioning who I am, but also what I like. I felt like that point of view was faltering a bit, and I didn’t really actually know what I liked anymore.«
Es klingt im ersten Moment ziemlich paradox, doch das Verlangen nach Unruhe und ein wenig »weirdness« ging für ihn mit der Suche nach Ruhe einher. Der Wunsch, für einen kurzen Moment die Pausetaste zu drücken und wirklich durchzuatmen, wurde immer präsenter. »It wasn’t exactly intentional at first. But over time, the stillness became its own kind of studio. A place where ideas could stretch out. Where I wasn’t styling to fit someone else’s frame. I was learning how to sit within my own«, schreibt Colin King in seinem zweiten Substack-Eintrag.

WAHRNEHMEN STATT FESTHALTEN

Den ersten Text veröffentlichte Colin King am 9. September dieses Jahres. »The Last Layer« lautet der Titel der Sammlung von persönlichen Texten, die King selbst als »interior monologue « beschreibt. »Less polished. More personal. Slightly less concerned with whether you think I’m a genius. Slightly more concerned with whether the candle is off-center in a meaningful way.« Jeden Dienstag veröffentlichte er bisher einen neuen Text. Der Titel des Blogs bezieht sich auf jenen Teil des Styling-Prozesses, der Colin King am meisten Spaß macht, weil es dabei um jene Ebene geht, in der die meiste Emotion steckt. Oder auch: Um jene Schicht, die letztendlich die Geschichte transportiert. Er selbst formuliert es folgendermaßen: »This Substack is named after the part of design I care about most: the final 10 percent. The instinct. The pause. The slightly off-center object that changes the mood of the room. And maybe your day«.

Seventh House gallery by Colin King.
© Arranging Things, Colin King; Photo: Rich Stapleton

 

Minimalistisch  in Szene gesetzte Erdtöne —  und eine bewusst außerhalb der Mitte platzierte, zierliche Pflanze, die Colin Kings Vorliebe für »off-centered objects« zeigt; Styling für die Galerie Seventh House in Los Angeles.

 

Im Gespräch mit Chapter betont er, dass Komposition dabei eine zentrale Rolle spielt — also Objekte und Gegenstände in einen Dialog miteinander treten zu lassen. »When things are not in relationship to each other, I don’t find them quite interesting. When they’re not living harmoniously, or even with tension, it doesn’t move me. I have no emotion. I almost feel like there’s something wrong. Sometimes I feel like I don’t like an object, but when I see it in connection with another object, I change my mind.« Aus diesem Grund arbeitet er auch gerne mit existierenden Stücken von Kunden und Kundinnen. »I learn from the things I didn’t choose myself.«
Beispiele für die Wichtigkeit des Dialogs zwischen mehreren Objekten finden sich auch in »Arranging Things«. Ein Bild der Küche seines ehemaligen Apartments in New York zeigt beispielsweise Möglichkeiten, die sich rund um die Abzugshaube und den Herd ergeben. Oder dass Bücherregale nicht immer — und schon gar nicht ausschließlich — für Bücher genutzt werden müssen. Erkennt man die Verbindung auf den ersten Blick nicht, lohnt es sich, kurz wegzugehen, um dann »with fresh eyes« wieder hinzuschauen.

Chapter magazine cover shoot with Interior Stylist Colin King at the Wotruba Church in Vienna, photographed by Robert Rieger, creative direction by Dzenana Mujadzic
© Chapter; Photo: Robert Rieger

Und obwohl es in Colin Kings Arbeit selbstverständlich darum geht, auf gestalterische Fragen Antworten zu finden, weigert er sich, Schönheit der bloßen Funktionalität unterzuordnen. Das schließt, wie er im Gespräch mehrfach betont, das Unperfekte und Unberechenbare eben keineswegs aus — im Gegenteil. Und Kritik hörte er in der Vergangenheit weit häufiger wegen seiner vermeintlichen Aversion gegen Farben als wegen seines Spiels mit Unregelmäßigkeiten. »50 Shades of Beige« seien ihm eben lieber, als es farbtechnisch laut werden zu lassen.
Wer Colin King kennenlernt, wird jedoch rasch merken: Der Schlüssel zu mehr Leichtigkeit scheint auch darin zu liegen, sich selbst nicht immer zu hundert Prozent ernst zu nehmen. Auch in seinen Texten finden sich zahlreiche Beispiele, die das beweisen. Dazu gehört unter anderem seine augenzwinkernde Selbstbeschreibung als »spokesperson for furniture moving pads«. Sicher ist: Hinter den vielen Schichten des »recovering people pleaser«, zu denen unter anderem absolute Professionalität gehört, liegt ein Kern aus Selbstironie. Sein spitzbübisches Lachen, das ihm immer wieder entkommt, lässt zudem vermuten, dass ihm vielleicht doch ein größerer und bunterer Schalk im Nacken sitzt, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

EVOLUTION ODER REVOLUTION?

Am Ende unseres Gesprächs steht auch eine Zuschreibung im Raum: »Stylist« — eine Berufsbezeichnung, die seine Arbeit mitunter nur unzureichend gerecht wird. »I find it interesting that many people feel that the term has something diminutive or dismissive about it«, meint Colin King, »I almost took pride in being a stylist, because for me, styling was so much more than shopping or placing objects, it was art direction and thought, creative direction and collaboration with all of these amazing creatives and photographers. And it really felt like I was composing, almost painting and just creating art. I really wanted to reclaim it and redefine that term. Now I feel like I’ve gotten a little looser, because I think that we’re all just creative people finding our own voices. I think I’ll always be multidisciplinary and always be doing a little bit of everything. It feels like being a hummingbird going to different orchards and flowerbeds. I am just jumping around and listening to what calls me. I don’t sit around waiting for someone to tell me who or what I am.«

Apartment of Jeffrey Graetsch, founder of Raisonné gallery in New York, styled by Colin King, with furniture by Isamu Noguchi, Charlotte Perriand, and Jean Prouvé.
© Arranging Things, Colin King; Photo: Adrian Gaut

 

Isamu Noguchi, Charlotte Perriand und Jean Prouvé; Styling im Apartment von
Jeffrey Graetsch, Gründer der Galerie Raisonné in New York.

 

Das sei jedoch nicht immer so gewesen, fügt er hinzu. Wie schon damals beim Tanzen geht es auch in seiner Arbeit als Stylist darum loszulassen. Colin King hält einen Moment inne und setzt zu einer Erklärung an: »I find so many parallels with where I’m at now and my life as a dancer because ultimately dancing is about trusting your body and trusting that you know the steps you practiced in rehearsal. And then there is this moment where you do have to let go because if you’re too controlled, people will notice and it’s actually not that interesting to watch. There were only a few moments of joy I experienced when I was dancing, because it was so hard for me to let go and just be in the steps without thinking about the steps. I think as creatives, it’s like the longest journey from the head to the heart, but that’s where we have to be operating from, because otherwise there’s a dishonesty in the work because it feels too controlled, too contrived.«

Eine Frage ist noch offen: Welcher der beiden Begriffe passt wohl eher zu seinem bisherigen Karriereweg — Evolution oder Revolution? Wer Colin Kings Arbeit verfolgt, würde sich vermutlich zunächst für das Erstere entscheiden. Aber steckt in der Liebe zu Tischdecken, die auf den ersten Blick zu kurz scheinen, nicht auch eine leise Revolte? Eine, die eben nicht laut und polternd ist, sondern jener Weichheit entspricht, die auch die von ihm gestalteten Räume ausstrahlen? Und die sich darüber hinaus auch in seinen Bewegungen und in seiner Art zu sprechen wiederfindet? Vermutlich lautet die Antwort »Ja«. Vielleicht ist diese Art von Kategorisierung aber auch nicht wichtig. Sondern eher das Gefühl, dass alles irgendwo seinen Platz hat.

ERSTMALS VERÖFFENTLICHT IN CHAPTER №XIII »IDENTITY« – WINTER 2025/26

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