Eine eigene Geschichte

Chapter »Bookshelf«: Vitra – Anatomy of a Design Company

Images of iconic stools from the book Vitra - The Anatomy of a Design Company with archive material published by Phaidon
© Phaidon

Der Schweizer Möbelhersteller Vitra trägt seit Jahrzehnten maßgeblich zur Entwicklung und Verbreitung modernen Designs bei. Der Weg dorthin war jedoch kein linear inszenierter Markenaufbau, sondern das Ergebnis unternehmerischer Entscheidungen, kultureller Neugier und langfristiger Überzeugungen. Ausgehend von einer Ladenbaufirma entwickelten Willi und Erika Fehlbaum das Unternehmen schrittweise zu einem international agierenden Möbelhersteller. Die vom Phaidon Verlag herausgegebene Chronik Vitra – Anatomy of a Design Company zeichnet diese Entwicklung auf Grundlage bislang unveröffentlichter Gespräche und umfangreichen Archivmaterials nach.

DER ANFANG

Ein Schlüsselmoment in Vitras Gründungsgeschichte war Willi Fehlbaums Begegnung mit den Entwürfen von Charles und Ray Eames in den 1950er-Jahren. Während eines Aufenthalts in New York entdeckte er im Herman-Miller-Showroom die neuartigen Fiberglass Chairs von Charles und Ray Eames und war besonders von der technischen »shock mount«-Verbindung beeindruckt. Herman Miller, einer der prägenden US-Möbelhersteller der Nachkriegsmoderne, hielt die internationalen Produktionsrechte an diesen Entwürfen. Fehlbaum nahm daher Kontakt mit dem Unternehmen auf, um eine Lizenzvereinbarung für Europa zu initiieren. In der Folge übernahm Vitra die Fertigung und Distribution ausgewählter Entwürfe von Charles und Ray Eames sowie von George Nelson in Europa.

 

Images of iconic Charles and Ray Eames stools from the book Vitra - The Anatomy of a Design Company with archive material published by Phaidon
© Courtesy Vitra, photo by Maurice Scheltens

 

In fortwährende Produktion: Die vollständige Bandbreite der Entwürfe von Charles und Ray Eames.

 

Nelson, eine der prägenden Figuren des amerikanischen Mid-Century Modern, war seit 1945 Design Director bei Herman Miller und bestimmte in dieser Funktion über Jahrzehnte die gestalterische Ausrichtung des Unternehmens. In dieser Funktion prägte er das Designprogramm maßgeblich und arbeitete unter anderem mit Charles und Ray Eames sowie Isamu Noguchi zusammen. Für Vitra bedeutete die Partnerschaft mit Herman Miller einen entscheidenden Schritt vom regionalen Betrieb hin zu einem international agierenden Designhersteller.

Images of iconic stools by designers Ray and Charles Eames from the book Vitra - The Anatomy of a Design Company with archive material published by Phaidon
© Phaidon

Nachdem die Partnerschaft mit Herman Miller 1984 einvernehmlich beendet wurde, sicherte sich Vitra die Rechte zur Produktion und Distribution der Entwürfe von Charles und Ray Eames, George Nelson und Alexander Girard in Europa und dem Nahen Osten. Girard, Architekt und Designer mit ausgeprägtem Gespür für Farbe, Textil und visuelle Identität, prägte als Leiter der Textilabteilung von Herman Miller ab den 1950er-Jahren die emotionale und grafische Dimension des amerikanischen Modernismus.
Mit der Übernahme der Rechte begann für Vitra eine Phase, in der sich das Unternehmen zunehmend als eigenständige Marke positionierte und sein Profil über die Rolle des reinen Lizenzproduzenten hinaus schärfte.

DER NEUANFANG

Ein verheerender Brand im Jahr 1981, der große Teile des Werks in Weil am Rhein zerstörte, markierte paradoxerweise einen Neuanfang für das Unternehmen. In der Folge entstand der Vitra Campus – ein Ensemble internationaler Architektur, das 1989 mit Frank Gehrys Vitra Design Museum einen ersten Höhepunkt fand. Das Museum war von Beginn an nicht als klassisches Firmenmuseum gedacht, sondern als eigenständige Institution, die sich bewusst von rein markenbezogenen Ausstellungskonzepten absetzt. Sammlung, Forschung und öffentliche Vermittlung wurden integraler Bestandteil der Unternehmensidentität.

 

Archive image of Vitra Campus from the book Vitra - The Anatomy of a Design Company with archive material published by Phaidon
© Phaidon

 

In den Zeiten, als Vitra noch über eine eigene freiwillige Feuerwehr verfügte, wurde Zaha Hadid beauftragt, ein Gebäude zu entwerfen, das die Feuerwehrfahrzeuge aufnehmen und zugleich soziale Einrichtungen für die Feuerwehr bereitstellen sollte.

 

Parallel dazu entwickelte Vitra neue inhaltliche Formate. Mit der Vitra Edition, zu der unter anderem Frank Gehry, Shiro Kuramata und Ron Arad beitrugen, wurde Design explizit als kulturelle Praxis positioniert. Die Zusammenarbeit mit Jean Prouvé führte nicht nur zur Wiederaufnahme historischer Entwürfe wie der Cité von 1930 – dem ältesten noch produzierten Stuhl im Sortiment –, sondern auch zu einer Neubewertung konstruktiver Prinzipien des 20. Jahrhunderts. Spätere Projekte wie das von Ronan und Erwan Bouroullec entwickelte Joyn-System (2002), inspiriert vom gemeinschaftlichen Bauernhaustisch, zeigten, wie stark Vitra auf gesellschaftliche Veränderungen im Arbeitsumfeld reagierte.

DIE TRANSFORMATION

Mit dem Eintritt der Kinder der Gründerfamilie in die Unternehmensführung setzte eine weitere Phase der Transformation ein. Rolf Fehlbaum, Sohn von Willi und Erika Fehlbaum und seit den 1970er-Jahren prägende Figur an der Spitze des Unternehmens, entwickelte Vitra strategisch und kulturell weiter und initiierte 1989 das Vitra Design Museum. Seine Tochter Nora Fehlbaum übernahm später die CEO-Position und steht für eine neue Generation in der Führung. Die Übernahme von Artek wird im Buch als strategisch weitreichend beschrieben; zugleich formuliert sie eine neue Priorität: »our generation’s fingerprint is the environmental strategy«. Nachhaltigkeit wird damit explizit Teil der unternehmerischen Mission, ebenso wie die Öffnung hin zu einem breiteren Publikum und neuen digitalen Formaten.

 

Archive image of Frank Gehry, Vitra Design Museum, Weil am Rhein, Germany from the book Vitra - The Anatomy of a Design Company with archive material published by Phaidon
© Courtesy Vitra, photo by Tobias Madörin

 

Das vollständige Vitra-Produktsortiment, 2007 außerhalb von Frank Gehrys Museumsgebäude präsentiert.

 

Besonders bemerkenswert ist auch die Reflexion über Sammlung und kulturelle Verantwortung: Rolf Fehlbaum betont, dass Museen häufig Neues und Revolutionäres bewahren – auch wenn manche dieser Entwürfe am Markt zunächst als »Flops« galten. Die Sammlung wird als lebendiger Organismus verstanden, gestützt durch bedeutende Archive wie jene von Eames, Prouvé oder Verner Panton.

DIE VITRA-WELT

Nicht zuletzt widmet sich das Buch ausführlich der visuellen Identität des Unternehmens. Eine Marke, heißt es, entstehe nicht durch künstliche Imagebildung, sondern entwickle sich organisch aus inhärenten Werten und seinem Handeln. Entsprechend verbindet Vitra seit Jahrzehnten Produktentwicklung mit Formaten wie der Publikationsreihe »Workspirit«, das Interviews, Architektur und Design zusammenführt. Der 2019 erschienene »Atlas of Furniture Design« mit über 1000 Seiten verdeutlicht diese Verbindung von Forschung, Gestaltung und Narrativ; bemerkenswert ist dabei die Prädisposition, Bilder höher zu gewichten als Worte.

Inside the Vitra - The Anatomy of a Design Company book published by Phaidon
© Phaidon

Vitra – Anatomy of a Design Company ist damit weit mehr als die Geschichte eines Unternehmens. Zahlreiche historisch wertvolle Archivbilder, neu aufbereitete Dokumente und persönliche Stimmen machen die Entwicklung von Vitra vom regionalen Betrieb zur international vernetzten Designmarke nachvollziehbar. Auf 410 Seiten und mit insgesamt 300 Farb- sowie 100 Schwarzweißabbildungen verknüpft die Publikation Industrie-, Architektur- und Kulturgeschichte zu einem vielschichtigen Panorama des modernen Designs, gezeichnet von Vitra. [Red.]

book cover of Vitra - The Anatomy of a Design Company published by Phaidon
© Phaidon

 

Vitra – The Anatomy of a Design Company
Herausgegeben von Phaidon
Hardcover, 270mm x 215mm, 401 Seiten
vitra.com

 

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