Grandes Dames des Design

Visionärinnen zwischen Architektur und Design

Beitragsbild
© Instituto Bardi / Casa de Vidro

TEXT Bettina Krause

Sie waren zu Lebzeiten unterschätzt, übersehen, unbekannt: Das Wirken »weiblicher Designer und Architekten« des frühen 20. Jahrhunderts hatte bis vor einigen Jahren für die Öffentlichkeit kaum Relevanz. Namen wie Le Corbusier, Marcel Breuer und van der Rohe sind jedem geläufig. Aber zeitgleich mit diesen Stars der Szene prägten auch einige Frauen die Architektur- und Designwelt maßgeblich. Zu jenen, die im Schatten der männlichen Kollegen standen, aber Bahnbrechendes geleistet und neue Stile hervorgebracht haben, gehören Lina Bo Bardi, Ray Eames und Eileen Gray. In Brasilien, den USA und Europa prägten sie die Design- und Architekturwelt und schufen bleibende Ikonen. Was die drei vereint, ist ihre interdisziplinäre Ausrichtung im Spannungsfeld zwischen Architektur, Design und Kunst ebenso wie ihre beeindruckenden Lebensläufe in Zeiten der großen Umbrüche und Kriege auf der Welt. Nicht zu vergessen ist ihr einzigartiges Talent Klassiker zu schaffen, die heute wie damals die Menschen begeistern.

 

Ray Eames, © Eames Office LLC (eamesoffice.com) All rights reserved

FUNKTIONAL REDUZIERT REBELLISCH

Ob sie sich über ihre Fähigkeit Formen zu schaffen, die zeitlosen Wert besitzen, bewusst war? Eileen Gray wurde 1878 in eine wohlhabende irische Adelsfamilie geboren. Ein glücklicher Umstand, der ihr zeitlebens Unabhängigkeit und das Studium der Architektur und des Designs in London und Paris ermöglichte. Heute gilt sie als eine der wichtigsten Möbeldesignerinnen und Architektinnen des frühen 20. Jahrhunderts und als einflussreichste Frau in diesen Bereichen.

 

»To create, one must first question everything.«
Eileen Gray

Zu Lebzeiten wurde ihr diese Adelung jedoch noch nicht zugesprochen. Ihre Karriere begann als Lack-Künstlerin, entwickelte sich zur Designerin und Innenarchitektin und schließlich brachte Gray auch als Architektin ihren ganz eigenen Stil hervor. Lange vor Mies van der Rohe und Marcel Breuer experimentierte Gray mit Möbeln aus Stahlrohr, damals das Material der Stunde. Als Frau blieben Gray jene Netzwerke, von denen ihre männlichen Kollegen profitierten, verwehrt. Und anders als Lina Bo Bardi und Ray Eames war die unabhängige Gray auch nicht mit einem einflussreichen Mann verheiratet.

Unterstützung fand sie bei ihrer Familie. Bemerkenswert ist Grays Fähigkeit, ihre Möbel durch Reduktion und Schlichtheit zu außerordentlicher Klarheit zu präzisieren — was sie zu zeitlosen Klassikern werden ließ. Zu ihren wichtigsten Entwürfen zählt der opulente Bibendum Chair, der aus Leder und Stahlrohr gefertigt ist. Trotz seiner markanten Form strahlt der Sessel Harmonie und Präzision aus. Majestätisch und charmant fügt er sich in seine Umgebung und fand auch in Eileen Grays eigenem Zuhause Platz. Benannt hat sie die Ikone etwas augenzwinkernd nach dem damals prominenten Michelin-Männchen, an dessen Form der Sessel erinnert.

Bibendum Chair, 1920er, © Classicon, Manufacturer ClassiCon authorised by The World Licence Holder Aram Designs Ltd.

 

Ebenfalls ein avantgardistischer Klassiker ist Eileen Grays Tisch E.1027, der sich heute in der Sammlung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York befindet und zu den meist kopierten Entwürfen der klassischen Moderne zählt. Schlicht und reduziert in der Formgebung folgt der Tischentwurf Grays Grundsatz, dass Möbel sich an die Bedürfnisse des Menschen anpassen sollten. In der Höhe verstellbar, mit einem stabilen Standfuß ausgestattet und am Griff leicht transportierbar ist der E.1027 in jeder Situation flexibel einsetzbar. Wie für ihre Entwürfe und die damalige Zeit typisch verwendet die Irin als Materialien Stahlrohr und Glas. Auch die formale Einfachheit und geometrische Klarheit entsprechen ihrer von Funktionalität geprägten, einzigartigen Formensprache.

Der Ausdruck »form follows function« soll diese neue Designidee schließlich zusammenfassen und eine Wandlung ausdrücken, die sich in der Gestaltung vollzog: Was im 19. Jahrhundert als Kunsthandwerk galt, hatte sich im frühen 20. Jahrhundert zum Design entwickelt. Ein Aufbruch, an dem Gray mit ihrem Schaffen beteiligt war. Auch ihr Tisch E.1027 sollte in einem größeren Kontext gedacht werden. War er doch als Einrichtung ihrer Villa E.1027, ebenfalls bekannt als Maison en Bord de Mer in Roque-brune-Cap-Martin, an der Französischen Riviera, entstanden.

 

Villa E.1027, 1926–1929

Obwohl in den Zwanzigerjahren freie Grundrisse en vogue waren, plante Gray das Haus sehr präzise. Jeder Raum hatte eine zugewiesene Nutzung und Rückzug spielte dabei eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit ihrem kurzzeitigen Lebensgefährten, dem Architekten Jean Badovici, entwarf Gray mit der Villa ein eigenes Refugium. Ganz in Weiß und mit atemberaubendem Blick über die malerische Bucht. Weiß sollten die Wände jedoch nicht bleiben. Der mit dem Paar befreundete Le Corbusier soll sich — die Quellen behaupten, ohne das vorherige Einverständnis Grays einzuholen — mit sieben großen Gemälden auf den Wänden verewigt haben. Ein Umstand, der der Hausherrin zum Auszug genügte. Heute steht die Villa unter Denkmalschutz und ist zur Kultstätte avanciert. Auch dank der Non-profit Organisation Friends of e.1027 aus New York City, die Mittel zur Restaurierung beschaffte und damit zum Erhalt des Hauses beitrug. Eileen Gray starb 1976 im Alter von 98 Jahren in Paris nach einem glamourösen, für eine Frau damals außergewöhnlichen Leben. Ihren Ruhm konnte sie zu Lebzeiten nicht genießen, erst heute erzielen ihre Möbel bei Auktionen Millionenwerte.

 

Bowl Chair, 1951, Gedacht als Möbel im Einklang mit den Bedürfnissen des modernen Wohnraums. © Marco Covi, Courtesy of Arper

Tisch E.1027, 1929, Entworfen für ihre Villa E.1027, zählt der Tisch heute zu den Design-Ikonen des 20. Jahrhunderts. © Classicon, Manufacturer ClassiCon authorised by The World Licence Holder Aram Designs Ltd.

 

IKONISCH EINDRUCKSVOLL ITALIENISCH

Ebenfalls von Europas Moderne beeinflusst war die Architektin und Designerin Lina Bo Bardi, die 1914 in Rom geboren wurde und dort Architektur studierte. 1946 wanderte sie im Alter von 32 mit ihrem Mann Pietro Maria Bardi nach Brasilien aus und gilt dort als eine der wichtigsten Gestalterinnen und vielseitige, multidisziplinäre Intellektuelle. Bo Bardi war mit den Größen ihrer Zeit bekannt, arbeitete für Gio Ponti, war mit Oscar Niemeyer befreundet und gehörte zu den sehr wenigen Frauen, die sich ihren Platz in dieser Liga erkämpften.

 

© Instituto Bardi / Casa de Vidro

»Architecture and architectural freedom are above all a social issue that must be seen from inside a political structure, not from outside it.«
Lina Bo Bardi

Mit ihren Entwürfen für alle Bevölkerungsschichten prägte Bo Bardi die brasilianische Moderne. Inspiriert wurde sie von lokalen Materialien und von der Natur, was besonders in ihrem ersten und eigenen Haus Casa de Vidro (das gläserne Haus), das sie 1951 in São Paulo realisierte, zum Ausdruck kam. Umgeben von dichtem Urwald und am Hang gelegen, ständerte Bo Bardi den Bungalow zum Teil mit bis zu elf Meter hohen, schlanken Stützen auf. Im Herzen des Hauses platzierte sie das 140 Quadratmeter große, rundum verglaste Wohnzimmer, das sich zur Umgebung öffnet. Eine gläserne Aussparung im Zentrum des Raumes, in der Pflanzen wuchern konnten, unterstützt die Verbindung zwischen Innen- und Außenraum.

 

Casa de Vidro, Peter Scheier, 1951, © Instituto Bardi / Casa de Vidro

 

Ein Gebäude also, das perfekt an seine Umgebung angepasst ist und mit ihr in Harmonie tritt. Mit kunstvollen Details versehen ist der Betonblock zugleich Ausdruck von Klarheit und Ausdruck der Verschmelzung von europäischer Moderne und brasilianischer Populärkultur. Als ganzheitliche Denkerin entwarf Bo Bardi für ihre Häuser auch immer wieder das Interieur, wie den in den frühen Fünfzigerjahren revolutionären und heute legendären Bowl Chair von 1951.

Die halbrunde, mit Leder bezogene Schale liegt beweglich auf einem Metallgestell auf, ist flexibel verwendbar und klassisch-elegant in der Formgebung. Italienische Präzision trifft auf die Aufbruchstimmung der Fünfzigerjahre. Während der Klassiker heute in allen Farben erhältlich ist, gab es zu Bo Bardis Zeiten noch keine Serienproduktion des Bowl Chair. Er war jedoch nicht als Luxusobjekt, sondern als modernes und erschwingliches Möbel gedacht, das sich in jede Umgebung harmonisch einfügt und sich an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen sollte.

Bo Bardi war eine umtriebige Frau, die ihre Talente in verschiedenen Bereichen auslebte. Gemeinsam mit ihrem Mann, der als Galerist, Kunstkritiker und Journalist tätig war, brachte Lina Bo Bardi das Magazin Habitat heraus. Dank seiner Stellung als Gründungsdirektor des Museu de Arte de São Paulo war Bo Bardi mit der Aufgabe betraut, dieses neue Museum zu planen.

 

Tripod Chair, 1948, © Creative Commons (CC). Sailko, 2016

Das 1968 entstandene »schwebende« Museum, ist ein kastenartiger Bau aus Beton und Glas, der von zwei roten Bügeln gehalten wird und über einem offenen Platz zu schweben scheint, der von Bo Bardi als Ort der Zusammenkunft geplant war und auch als solcher genutzt wird.

Nicht nur mit ihrer Architektur, auch mit ihren Möbeln schaffte Bo Bardi Ikonen. Ihr Holzstuhl Frai Egydio etwa, den die Designerin für ein Theater entwarf, lässt sich senkrecht zusammenklappen und ist nach einem franziskanischen Vorbild aus dem 15. Jahrhundert benannt. Auch ihre Stühle Tripod Chair oder Rocking Armchair sind zu internationalen Design-Klassikern avanciert.

Eine Würdigung, die Bo Bardi selbst ebenso wenig erlebt hat wie Eileen Gray. Bis zu ihrem Tode 1992 war Lina Bo Bardi außerhalb Brasiliens weitestgehend unbekannt. Nach einer Aufarbeitung ihres Werkes und einigen Ausstellungen zu ihrem Schaffen wird die Designerin und Architektin heute zurecht in einem Atemzug mit ihren männlichen Kollegen genannt.

 

 

 

Künstlerisch Harmonisch Revolutionär

 

Zu den wichtigsten Designerinnen des 20. Jahrhunderts zählt fraglos auch die Amerikanerin Ray Eames, die oft im Zusammenhang mit ihrem Mann, dem Architekten Charles Eames in Erscheinung tritt. 1912 in Sacramento, Kalifornien geboren, studierte die junge Ray Malerei in New York. 1941 erfolgte die Heirat mit Charles, mit dem sie zusammen lebte und arbeitete. In der Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg, vom Glauben an den Fortschritt überzeugt, entwickelten die beiden Möbel, deren Nutzbarkeit eine größere Rolle spielte als ihre Schönheit.

 

© Eames Office LLC (eamesoffice.com), All rights reserved

»What works good is better than what looks good, because what works good lasts.«
Ray Eames

Charles und Ray Eames nach einer Fotoproduktion für die Molded Plywood Chair Group, 1946. © Eames Office LLC (eamesoffice.com) All rights reserved

 

Das Ehepaar auf einem Velocette Motorrad, fotografiert in ihrem Büro in Venice, Kalifornien,1948,© Eames Office LLC (eamesoffice.com), All rights reserved

 

Hatte das Paar im Zweiten Weltkrieg noch mit Formholz experimentiert um Schienen für die Versorgung von Knochenbrüchen zu entwickeln, nutzten sie ihre Erfahrungen mit dem Material nach dem Krieg für ihre Möbelentwürfe. Aus Sperrholz komplexe Formen zu gestalten war bahnbrechend und sollte das Möbeldesign des 20. Jahrhunderts grundlegend verändern. Möglich war die Verarbeitung mit Hilfe der Kazam Maschine, die das Ehepaar Eames eigens bei sich zuhause entwickelt hatte. Sie ermöglichte es, das Sperrholz so starkem Druck auszusetzen, dass es sich biegen ließ.

Als erstes Ergebnis ging der Plywood Chair aus diesen Experimenten hervor. Als Paar hatten Charles und Ray eine klare Aufgabentrennung. Während Charles sich den konstruktiven Fragen zuwendete, war Ray die Kreative. Mit ihrem Background als Künstlerin hatte sie einen außerordentlichen Blick für Harmonie und Ästhetik in der Gestaltung. Obwohl sie zeitlebens im Schatten ihres Mannes stand, war Ray maßgeblich an den Eames-Entwürfen beteiligt. Ihr gelang es, aus einem guten Entwurf einen exzellenten zu machen.

La Chaise, 1948, © Vitra

 

In den Arbeiten des Paares wurde das gebogene Schichtholz im Laufe der Jahre durch Kunststoffe ergänzt und die Möbel schließlich in Massenproduktion hergestellt. Die Eames interpretierten die Ideen der Bauhauszeit neu und übertrugen sie in die Moderne der 1950er und 1960er Jahre. Sie schufen zeitlose, elegante Formen, die Leichtigkeit ausdrücken. Zu ihren wichtigsten Entwürfen zählen neben dem Side Chair, der noch heute in vielen Wohnungen zu finden ist, etwa der Lounge Chair als bequeme Neuinterpretation des klassischen englischen und oft sperrigen Salonsessels. Der luftige La Chaise mit seiner organischen Form und dem konstruktiv-technischen Unterbau kann heute eindeutig als Entwurf von Ray Eames zugeordnet werden.

Wie ihre Kolleginnen Gray und Bo Bardi schuf auch Ray Eames Architektur. Am bekanntesten ist das Eames House in Pacific Palisades, Los Angeles. In diesem privaten Wohnhaus des Paares von 1949 lebte Ray bis zum Schluss. Auf den ersten Blick erinnert das Haus an ein Bild des niederländischen Malers Piet Mondrian: Die Fassade der Glas-und Stahlkonstruktion ist in rechteckige farbige Flächen unterteilt, die von dünnen schwarzen Stahlträgern umrahmt sind.

Ähnlich dem Entwurf von Lina Bo Bardis gläsernem Haus ist auch das Eames Gebäude von der Natur eingefasst und öffnet sich zu einer Seite mit einer komplett verglasten Fassade. Der Entwurf entstand gemeinsam mit dem Architekten Eero Saarinen und soll nach Angaben der Architekten »für die notwendige Ablenkung von den Problemen und Komplikationen des Alltags sorgen«, heißt es. Als klares geometrisches Volumen, dessen tragende Teile sämtlich aus Standardbauelementen bestehen, gilt es heute als Meisterwerk der Moderne. Wenngleich Ray und Charles als Paar agierten, stand Charles deutlich mehr im öffentlichen Interesse als Ray. Nachdem er 1978 starb, lebte Ray noch zehn Jahre. Als wesentliche Ideengeberin und Miturheberin der Eames Entwürfe wird sie erst seit wenigen Jahren gesehen und entsprechend gewürdigt.

Noch heute sind die Stars der Architektur- und Designwelt überwiegend Männer. Zwar haben es Frauen nicht mehr so schwer unabhängig ihren Weg zu gehen wie die vorgestellten Damen, aber wahre Anerkennung und ebenbürtigen Respekt wie die männlichen Kollegen zu erlangen ist auch im 21. Jahrhundert noch nicht selbstverständlich. Umso wichtiger ist es, Frauen ihren verdienten Platz in der Kulturgeschichte zuzuschreiben und ein Bewusstsein für ihren großen Einfluss auf unsere heutige Welt zu schaffen.

 

Wire Chairs, fotografiert von Charles Eames, ca. 1951-1953, © Eames Office LLC (eamesoffice.com) All rights reserved