Ein tiefes Verständnis für menschliches Wohlbefinden prägt das Werk von Alvar, Aino und Elissa Aalto. Klare Formen und funktionale Prinzipien verbanden sie mit organischen Linien, natürlichen Materialien und einer ausgeprägten Sinnlichkeit. Ihr ganzheitlicher Ansatz erzählt von einer Idee, die aktueller nicht sein könnte: dass Gestaltung wesentlich dazu beitragen kann, wie wir uns fühlen und wie wir leben. Eine große Ausstellung in Helsinki widmet sich dieser elementaren Facette ihres Werkes.
Alvar, Aino und Elissa Aalto haben Häuser und Objekte entworfen, die eindeutig in der Moderne verankert sind, sich zugleich aber am menschlichen Bedürfnis nach Wärme und Behaglichkeit orientieren. Wie der zur Ausstellung erschienene Katalog Aalto Design – Shapes of Wellbeing beschreibt, rückten Aino und Alvar Aalto mit dem Paimio Sanatorium zunehmend vom strengen Rationalismus und seinem Primat von Effizienz und Klarheit ab und stellten den »ordinary person« sowie die psychologischen Dimensionen menschlicher Erfahrung stärker in den Mittelpunkt. Materialien, Licht, Details und die Einbindung eines Gebäudes in seine Umgebung waren dabei keine Nebensache, sondern Teil eines ganzheitlichen Entwurfsverständnisses.

Diagramm zur Lichtführung im Patientenzimmer im Paimio Sanatorium, 1932
»The fundamental challenge of architecture is not that of achieving external, formal perfection, but rather of creating a pleasing environment through thoughtful simplicity that meets human biological needs«, wird Alvar Aalto in den Begleittexten zur Ausstellung »Aalto Design – Shapes of Wellbeing« zitiert. Die Ausstellung ist noch bis 3. Jänner 2027 im Architecture and Design Museum Helsinki zu sehen.
Villa Mairea: Dialog zwischen Natur und Architektur
Das auf die Behandlung von Tuberkulose spezialisierte Paimio Sanatorium in Südfinnland gilt als Wendepunkt in Aino und Alvar Aaltos Herangehensweise. Zwischen 1929 und 1933 entstand ein Gebäude, das im Katalog als regelrechtes »medical instrument« beschrieben wird: Patientenzimmer wurden aus der Perspektive liegender Menschen gedacht, Decken zur Vermeidung von Blendung dunkler gestrichen, das Licht indirekt geführt und Waschbecken so gestaltet, dass das Geräusch des fließenden Wassers gedämpft wurde. Selbst niedrig platzierte Fenster und Türgriffe, an denen sich kein Arztkittel verfangen sollte, folgten dieser Aufmerksamkeit für den Alltag der Nutzenden.

Die Wandleuchte und die Tür des Patientenzimmers im Paimio Sanatorium, entworfen zur Reduktion störender Reize.

Aino und Alvar Aalto entwarfen die Villa Mairea in Noormarkku 1938–39 für Maire und Harry Gullichsen, die ihnen ungewöhnlich große gestalterische Freiheit ließen und damit einen der experimentellsten Wohnhausentwürfe der Aaltos ermöglichten.
Diesen Ansatz entwickelten die Aaltos kontinuierlich weiter. In der zwischen 1938 und 1939 gebauten Villa Mairea erhält die funktionale Klarheit der Moderne eine sinnliche, warme Ebene. Die Villa ist ein Dialog zwischen gebauter und natürlicher Umgebung: Die Innenräume gehen in den Garten über, der wiederum mit dem umliegenden Kiefernwald verschmilzt. Tragende Säulen und unregelmäßig gruppierte Holzpfähle an der Treppe greifen, wie der Katalog hervorhebt, den Rhythmus des Waldes auf.
Organische Formen
Die Bedeutung, die Alvar Aalto und seine erste Frau Aino Aalto der Landschaft beimaßen, nahm zwischen 1930 und 1949 merklich zu. Elissa Aalto, die nach dem Tod Aino Aaltos im Jahr 1949 mit Alvar zusammenarbeitete und ihn 1952 heiratete, führte diesen Ansatz gemeinsam mit ihrem Ehemann fort. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Aaltos war, dass es sich sowohl auf ästhetischer als auch auf psychologischer Ebene lohnt, sich auf ganzheitliche Weise mit der unmittelbaren Natur auseinanderzusetzen. Ihre gestalterische Arbeit verstanden sie als Möglichkeit, ein Gleichgewicht zwischen der natürlichen und der vom Menschen geschaffenen Welt herzustellen – unter anderem über die Auswahl der Materialien.

Produktionsschritte von Bugholzstühlen in der Artek-Fabrik, 1936.

Alvar Aalto, Armchair 41, auch »Paimio Chair« genannt, 1932.
Der Sessel aus Birkenlamellen und Birkensperrholz zählt zu Aaltos bekanntesten Entwürfen aus gebogenem Holz.
Bei ihren Möbelentwürfen bevorzugten die Aaltos Holz und schätzten die Wärme, die haptische Anziehungskraft sowie die beruhigenden visuellen und akustischen Eigenschaften des Materials – Attribute, die in scharfem Kontrast zu den glänzenden Stahlrohren standen, die von anderen Designerinnen und Designern der Moderne häufig verwendet wurden. Gemeinsam mit dem Tischler Otto Korhonen entwickelte Alvar Aalto Verfahren, um Holz und Sperrholz mit Leim und heißem Dampf in neue Formen zu biegen.

Alvar Aalto, Armchair 42, 1931–32, aus Birkenlamellen und Birkensperrholz;
heute in der Sammlung des Architecture and Design Museum Helsinki.

Produktionsschritte von Bugholzstühlen in der Artek-Fabrik, 1936. Die Aufnahmen dokumentieren das Biegen und Formen von Holz und Sperrholz, ein Verfahren, das die serielle Fertigung von Aaltos organisch geformten Möbeln ermöglichte.
Daraus entstanden unter anderem der »Paimio Chair« von 1932 sowie neue Möglichkeiten für die serielle Fertigung von Bugholzmöbeln. Während die Aaltos anfangs noch die Grenzen des Materials auszureizen versuchten und mit kühnen, gewagten Formen experimentierten, wurde ihre Formensprache in den darauffolgenden Jahrzehnten immer organischer.

Patentzeichnung einer flexiblen Holzkonstruktion für Sessel, 1933.
Eines der wohl bekanntesten Beispiele für diese Entwicklung ist die von Alvar Aalto gestaltete »Aalto Vase« aus dem Jahr 1936. Mit ihrer Asymmetrie und organischen Linienführung bildete die geschwungene Glasvase einen bewussten Kontrast zur geometrisch geprägten Formensprache der Moderne. Der Ausstellungskatalog beschreibt sie als Beispiel eines »organic modernism«, in dem Material, Form und sinnliche Erfahrung eng miteinander verbunden sind. Alvar Aaltos Satz »Form is a mystery that resists definition, yet makes people feel good – producing a different kind of wellbeing than mere social welfare« bringt seine gestalterischen Prinzipien prägnant auf den Punkt und wird auch im Rahmen der Ausstellung in Helsinki zitiert. [SW]


