Mit Bildern von filigranen Architekturen, schwebenden Körpern aus Licht und Gewebe sowie rätselhaften Gebilden zwischen Organismus und Ornament überführte Ernst Haeckel (1834–1919), deutscher Zoologe, Evolutionsbiologe, Naturphilosoph und Zeichner, wissenschaftliche Beobachtung in eine eigene visuelle Sprache. The Art and Science of Ernst Haeckel, erschienen bei TASCHEN, versammelt diese Bildwelten und verfolgt ihren Weg von der biologischen Forschung bis in die Kunst der Moderne.
»Alle wahre Naturwissenschaft ist Philosophie und alle wahre Philosophie ist Naturwissenschaft«, formulierte Haeckel und benannte damit den anspruchsvollen philosophischen und klaren naturwissenschaftlichen Anspruch, der sein gesamtes Werk durchzieht. Die Logik der Natur, die er als zusammenhängendes System begriff, dessen Formen aus Evolution und Verwandtschaft hervorgehen, war sein bevorzugtes Experimentierfeld. In seinem einleitenden Essay »Ernst Haeckel: Kunstformen des Lebens« beschreibt der Zoologe und Autor Rainer Willmann Haeckel als eine zentrale Figur des 19. Jahrhunderts, die Darwins Gedanken aufgriff, popularisierte und in ein eigenes, visuell geprägtes Weltbild übersetzte. Seine Tafeln sollten Zusammenhänge verständlich und sichtbar machen und jenes »ungläubige Staunen ob der Schönheit von Naturobjekten« auslösen, das Willmann als ihre anhaltende Wirkung beschreibt.

Der 1834 in Potsdam geborene Haeckel studierte Medizin und Naturwissenschaften, wobei sich glaubhaft behaupten lässt, dass seine Ambition kaum der ärztlichen Laufbahn galt. Seine Sprechstunde legte er auf fünf bis sechs Uhr morgens und hielt sich damit den übrigen Tag für zoologische Studien frei. Prägend für ihn wurde eine Reise nach Italien, wo er 1859 im Golf von Messina Radiolarien untersuchte. Die winzigen Einzeller mit ihren geometrisch aufgebauten Skeletten zeichnete er, wie er seiner Verlobten Anna Sethe schrieb, mit »mathematischer Treue«. Bereits in diesen Arbeiten zeigte sich jene Verbindung aus Präzision, Systematik und kompositorischem Gespür, die seine späteren Tafelwerke bestimmte.

Der 688 Seiten starke Band führt mit 450 Reproduktionen durch Haeckels Monografien über besagte Radiolarien, Siphonophoren, Kalkschwämme, Korallen, Medusen und Tiefseeorganismen bis zu den zwischen 1899 und 1904 erschienenen Kunstformen der Natur. Die Reproduktionen zeigen seine genaue Erfassung und bewusste Ordnung der Strukturen. Symmetrien werden betont, Körper isoliert, Farbwerte geklärt, einzelne Formen zu ornamentalen Gruppen zusammengestellt. Wissenschaftliche Illustration und künstlerische Komposition lassen sich dabei kaum trennen. Das hält die Bilder bis heute wirksam, auch dort, wo seine Forschung überholt ist.

Julia Voss verfolgt in ihrem Essay »Ernst Haeckel und die Evolution der modernen Kunst« die erstaunliche Karriere dieser Motive. Haeckels Meereswesen verließen, wie sie schreibt, die Buchseiten und fanden ihren Weg auf europäische Fassaden, Plätze, Bühnenvorhänge und Gemälde. Seine Formen wurden von Künstlern und Gestaltern wie René Binet, Émile Gallé, Gustav Klimt, Edvard Munch, Max Ernst und Wassily Kandinsky aufgegriffen – eine für wissenschaftliche Darstellungen ungewöhnlich hohe Reichweite. Im Internet, so Voss, seien sie schließlich »viral« geworden.
Die von Voss herausgearbeitete Nähe zu Hilma af Klint (1862–1944) gibt auch Haeckel’s Werk einen indirekten Aktualitätsbezug. Die schwedische Zeitgenossin Haeckels und Pionierin der abstrakten Malerei blieb zu Lebzeiten weitgehend verkannt und wird heute als wegweisende Künstlerin der frühen Abstraktion gefeiert. Aktuell zeigt das Grand Palais in Paris mit Hilma af Klint. Paintings for the Temple (1906–1915) die erste große Einzelausstellung der schwedischen Künstlerin in Frankreich. Voss führt beide über ihr gemeinsames Interesse an Entwicklung, Zellteilung und der Wandelbarkeit organischer Formen zusammen.Während Haeckel das Lebendige als Ergebnis eines langen Evolutionsprozesses verstand, richtete af Klint den Blick auf das futuristische Potenzial des Wandels und auf Formen, die erst noch entstehen könnten.

In ihrem 1907 entstandenen Gemälde »Gruppe IV, Nr. 9. Die zehn Größten, hohes Alter«, einer großformatigen Temperaarbeit auf Papier, montiert auf Leinwand, entfaltet sich vor fleischfarbenem Grund eine Folge aus Wachstum, Teilung und Transformation. Zellartige Gebilde entwickeln sich zu zwei rotierenden Figuren. Die Nähe zu Haeckels Embryonen und organischen Grundformen liegt laut Voss weniger in einer direkten Übernahme als in einem gemeinsamen Denken in Entwicklung, Verwandlung und inneren Gesetzmäßigkeiten.
Auch als Gegenstand setzt der Band diese Idee des Systems fort. Der Einband des Hardcovers mit Schuber wirkt wie eine naturkundliche Tafel: Organismen schweben auf hellem Grund, fremdartig und präzise. Im Inneren wechseln großformatige Bildtafeln, historische Fotografien, Manuskriptseiten und Essays. Seine physische Präsenz entspricht dem Anspruch, die Vielfalt des Lebens nicht auf ein berühmtes Motiv zu reduzieren.

Doch auch schwerwiegende Widersprüche gehören zu Haeckels Geschichte. Entsprechend bleibt der Blick auf ihn als Wissenschaftler und interpretierenden Denker kritisch. Willmann benennt seine wissenschaftlichen Irrtümer, seine rassistischen Hierarchisierungen und seine späteren nationalistischen Äußerungen als Tatsachen und ohne Beschönigung. Dem brillanten Beobachter stand ein Denker mit erheblichen blinden Flecken gegenüber. Diese Erkenntnis mindert die formale Kraft seines Werks nicht, verhindert jedoch eine rein ästhetische Verehrung.
The Art and Science of Ernst Haeckel zeigt einen Forscher, der die Natur durch Zeichnung zu verstehen suchte und dabei Bilder schuf, die weit über die Biologie und die wissenschaftliche Illustration hinauswirkten. Ihre visuelle Strahlkraft ist bis heute spürbar. Der umfassende Publikation aus dem Hause TASCHEN öffnet ein Archiv des Sehens, gefüllt mit Schönheit, Erkenntnis, Irrtum und Nachleben [Red.]

The Art and Science of Ernst Haeckel
Hardcover im Schuber, 24.3 x 30.4 cm, 688 Seiten
taschen.com

