Architektur entsteht bei Francis Kéré aus Situationen, aus Geschichten, aus Orten, die bereits existieren und verstanden werden wollen. In Francis Kéré. Building Stories, erschienen bei TASCHEN, schildert er diesen Zugang größtenteils selbst. Der Band, der 26 Projekte versammelt und von einer großen Auswahl unveröffentlichter Skizzen, Fotografien, Zeichnungen und ergänzender Texte begleitet wird, veranschaulicht ein Verständnis von Architektur, das weit über die Grenzen einer einzelnen Disziplin hinausreicht: als ein Prozess des Lernens und Lebens, in den weit mehr Perspektiven einfließen als nur die des Architekten.
Die besondere Aufmerksamkeit, die Francis Kéré einem Ort widmet, ist kein theoretischer Ansatz, sondern in seiner eigenen Geschichte angelegt. Der 1965 geborene Architekt, der 2022 mit dem Pritzker Architecture Prize ausgezeichnet wurde, wächst in Gando auf, einem Dorf in Burkina Faso in Westafrika, und beschreibt diese Herkunft als eine Prägung, die seinen Blick bis heute bestimmt. Landschaft, Klima, Gemeinschaft und Rituale bilden für ihn die realen Voraussetzungen des Bauens. Wenn er schreibt, ein Ort bestehe »mainly of people«, dann ist das kein beiläufiger Satz, sondern ein Schlüssel zu seinem Schaffen. Von hier aus wird verständlich, weshalb seine Architektur stets auch die Beziehungen mitdenkt, die ein Ort bereits in sich trägt.

Als Kéré Ende der 1990er Jahre seinen ersten Schulbau für Gando entwickelt, wird dieser biografische Ursprung zum tragenden Element seines Denkens. Das Projekt ruft Erinnerungen an seine eigene Kindheit wach, an den Unterricht in engen, überhitzten Räumen, und verbindet sie mit der Rückkehr in sein Dorf, wo die bestehende Schule bereits Risse zeigte und baulich versagte. Aus dieser Erfahrung entsteht der Wunsch, einen Raum zu schaffen, der Licht, Luft und Schutz bietet und zugleich aus dem hervorgeht, was vor Ort vorhanden ist. Kéré schildert präzise, wie aus der Auseinandersetzung mit Regenzeiten, Materialverfügbarkeit, handwerklichen Kenntnissen und sozialen Abläufen ein Entwurf entsteht, der sich nicht auf eine formale Geste reduzieren lässt. Der Bau in Gando ist damit weit mehr als ein frühes Projekt. In ihm zeigt sich bereits sehr konkret, worum seine Arbeit in den folgenden 25 Jahren kreisen wird.

Es passt daher sehr gut, dass Kéré sich nicht als distanzierter Autor seiner Bauten präsentiert, sondern als jemand, der ausprobiert, korrigiert und weiterarbeitet. »My only concern is that my work must have a positive impact on the communities in which it is embedded«, schreibt er im Vorwort. Wenig später verdichtet er diesen Anspruch in einem ebenso schlichten wie prägnanten Satz: »For whom do we do all this? For human beings. It is all about people.« Gerade dieser Gedanke gibt auch den persönlichen Passagen seines Lebens Gewicht. Kéré schreibt über Unsicherheiten, über Widerstände im Dorf, über den mühsamen Weg der Finanzierung und über die Geduld, die nötig ist, damit Vertrauen wachsen kann, und macht so nachvollziehbar, wie eng seine Arbeit tatsächlich mit persönlichem Einsatz verbunden ist.


Francis Kéré. Building Stories liest sich so als das Zeugnis eines Architekten, der Bauen als Dienst an einer Gemeinschaft versteht. Besonders deutlich wird das im Kapitel über die Naaba Belem Goumma Secondary School. Kéré beschreibt die Jahre ab 2011, in denen seine Arbeit zwischen Berlin, Lehrtätigkeit, internationalen Projekten und der Verantwortung für Gando immer fordernder wird. Zugleich erzählt er vom Tod seines Vaters, der ihn einst als Erster in die Schule geschickt hatte. Nach dessen Tod sollte Kéré die Rolle des Dorfchefs übernehmen. Er entschied sich dagegen und hielt an der Architektur als seiner Form fest, Verantwortung zu tragen.


Dieser Maßstab bleibt auch dort erhalten, wo Kéré über internationale Projekte schreibt. Beim Serpentine Pavilion in London entwirft er, um nur ein Beispiel zu nennen, einen offenen Ort, der Menschen willkommen heißt, Schutz vor Wetter bietet und zugleich an grundlegende Bedürfnisse erinnert. Kéré beschreibt den Pavillon, der Regenwasser sammelt, Schatten schafft und Raum formt, ausdrücklich als Ort der Begegnung, der erst durch die Menschen vollendet wird, die sich unter ihm versammeln. Räume sollen Schutz geben, Bewegung aufnehmen und gemeinsames Leben ermöglichen.

So persönlich und nah Kérés eigene Worte den 444 Seiten starken Band tragen, so selbstverständlich ergänzt eine philosophische Einordnung von außen diese sehr unmittelbare Perspektive. Im Essay »the existential task of architecture« liest Juhani Pallasmaa Kérés Bauten als eine Architektur, die an Lebenserfahrung, Wahrnehmung und menschliche Wirklichkeit rückgebunden bleibt, und führt in diesem Zusammenhang auch Wittgensteins Satz an, Architektur »immortalizes and glorifies something«. Kéré selbst fasst seine Geschichte ohne ausladende Theorie sehr viel direkter und zugänglicher zusammen: »My story begins in a village in sub-Saharan Africa and reaches a thousand places.«
Mit Francis Kéré. Building Stories, erschienen bei TASCHEN, formuliert Kéré selbst eine Form des Denkens, die den Alltag ordnet, Würde schafft, Wissen bewahrt, Begegnung eröffnet und dem Gemeinsamen eine räumliche Gestalt gibt – und zeigt damit, dass gute Architektur, wie eine gute Lektüre, dort beginnt, wo Menschen sich in ihr wiederfinden. [Red.]

Francis Kéré
Softcover, 19 x 25.5 cm, 1.09 kg, 444 Seiten
taschen.com

